Sterne ohne Himmel – Kinder im Holocaust

Veröffentlicht am 08.01.2024 in Bildung & Kultur

Sterne ohne Himmel - Ausstellung im Bürgerhaus Eching

Die Ausstellung „Sterne ohne Himmel – Kinder im Holocaust“ ist eine außergewöhnliche Ausstellung – präsentiert sie doch, ausgearbeitet von der Gedenkstätte Yad Vashem, das besondere Schicksal der Kinder im Holocaust und zeigt die erstaunliche Fähigkeit von Kindern, trotz der schlimmsten Umstände am Leben festzuhalten.

Beachtung fand die Ausstellung in Eching eher wenig - schade. Zur Vernissage am 23.11.2024 kamen keine 20 Besucher*innen und Vertreter*innen der örtlichen Parteien fehlten fast gänzlich. Ist man in Eching des Themas überdrüssig?

Vom Schicksal der Kinder im Holocaust weiß man allgemein eher wenig. Für die Nazis existierten sie als eigenständige Personen meist gar nicht. Wer 14 war und älter, musste in den KZs arbeiten wie die Erwachsenen, wurde also auch wie ein Erwachsener behandelt. Die jüngeren Kinder wurden oft nur als Anhängsel der Eltern erfasst – etwa in der Form: „Frau mit Kleinkind“ oder „Mann mit Kind“.

Was kann man als Deutscher zu so einer Ausstellung sagen? Auch wenn man durch die „Gnade der späten Geburt“ nicht unmittelbar für das geschehene Unrecht verantwortlich ist, schnürt einem das Wissen um dieses schreckliche Erbe doch die Kehle zu.

Helfen können Zeitzeugen. Inge Auerbacher z. B. sprach zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022 vor dem Deutschen Bundestag: „Wer bin ich? Ich bin ein jüdisches Mädel aus dem badischen Dorf Kippenheim und dem schwäbischen Jebenhausen-Göppingen. Ich wurde am 31. Dezember 1934 in Kippenheim geboren. Juden und Christen wohnten friedlich zusammen. Ich war das letzte jüdische Kind, das dort geboren wurde.

Wir waren eine glückliche Gemeinde in Kippenheim, bis der Frieden unseres ruhigen Dorfes gestört wurde. Am 9. und 10. November 1938 fanden in Deutschland gewaltsame Ausschreitungen und Übergriffe gegen die Juden statt. Dieses Ereignis wird heute „Pogromnacht“ genannt. Das Pogrom fand in Kippenheim am 10. November statt. Ich war in dieser Zeit noch nicht einmal vier Jahre alt. Die Nazirowdys schmissen Backsteine durch die Fenster. Ein Stein hat mich beinahe getroffen.

Alle Männer über 16 Jahren wurden ins KZ gebracht. Opa und Papa wurden in das KZ Dachau transportiert, wo sie in der Baracke 16 untergebracht wurden. Nach einigen Wochen wurden sie entlassen und kamen nach Hause. Sie erzählten von den furchtbaren Torturen und Misshandlungen, die sie erleiden mussten.

Im August 1942 wurden meine Eltern und ich und andere Juden in der Turnhalle der Schillerschule in Göppingen versammelt. Unser Gepäck wurde durchsucht. Einer der Aufseher fand Gefallen an einer Holzbrosche, die ich angesteckt hatte, und nahm sie von mir. Er brüllte: Du brauchst das nicht, wo du hingehst. Dann riss er meine Puppe aus meinen Armen und untersuchte sie, ob ich da etwas versteckt hätte. Tränen ergossen sich über meine Wangen. Ich war überglücklich, als er meine Puppe Marlene wieder in meine Hände gab.“

Es folgten Schilderungen des Transports, der elendigen Zustände in Theresienstadt – Schmutz, Hunger, Krankheit – und sprach dann aber auch über Freundschaften unter den Kindern die dort entstanden.

„Das Leben in Theresienstadt war besonders schwer für solch ein junges Kind. Es gab keinen Ausweg, nur die Gaskammern in Auschwitz, zu verhungern, Selbstmord oder an Krankheiten zu sterben. Wir Kinder wurden schnell selbstständig. Die wichtigsten Wörter für uns waren Brot, Kartoffel und Suppe. Das ganze Leben drehte sich um Essen.

Es gab nur Latrinen, die weit weg waren. Wenige Male bekamen wir die Erlaubnis, uns zu duschen. Unser Spielplatz war ein faulriechender Abfallhaufen. Hier wühlten wir stundenlang herum und hofften, einen Schatz zu finden: halbverfaulte Rüben und Kartoffelschalen, bei denen man noch einen essbaren Schnitz abschneiden konnte. Schule war für uns Kinder verboten.“

Im Mai 1945 wurde das KZ Theresienstadt von der Roten Armee befreit.

Das Martyrium war für die kleine Inge damit aber noch nicht vorbei. Über viele Umwege kam die Familie nach New York, aber Inge musste wegen der im KZ erlittenen TBC-Erkrankung mehrere Jahre das Bett hüten. Auf Genesungsphasen folgten regelmäßig wieder Rückschläge und so kam sie erst mit 15 in die Schule.

Umso erstaunlicher ihr Fazit: „Summa summarum, soviel ich weiß, bin ich das einzige Kind, das unter allen Deportierten aus Stuttgart zurückkehrte. 20 Personen von unserer Familie sind von den Nazis ermordet worden. Drei Jahre im KZ Theresienstadt; vier Jahre im Bett wegen der schweren gesundheitlichen Folgen; acht Jahre Schulverlust; vier Jahre Stigmatisierung, den Judenstern zu tragen; Stigma wegen der bösen Krankheit, die Partner daran hinderte, mich zu heiraten. Ich durfte nie ein Brautkleid tragen. Ich werde nie Mama oder Oma werden. Aber ich bin glücklich, und die Kinder der Welt sind meine. Ich schließe mit meinem Herzenswunsch: Menschenhass ist etwas Schreckliches. Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren. Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen. Entzünde heute eine Kerze zur Erinnerung an die ermordeten unschuldigen Kinder, Frauen und Männer! Entzünde eine Kerze für das Leben, und halte die Dunkelheit zurück! Sei Hüter deiner Schwestern und Brüder, dann wird dein Glück immer blühen!“

Und sie schob dann noch einen religiösen Wunsch hinterher: „Wir sind alle als Kinder Gottes geboren. Für Einigkeit und Frieden öffnen sich die Tore. Die Vergangenheit darf nie vergessen werden. Zusammen wollen wir beten für Einigkeit auf Erden. Lasst uns gemeinsam einen neuen Morgen sehen. Dieser Traum soll nie, nie, nie wieder verloren gehen.“

Die Ausstellung ist bei der Gemeinde (Archiv) ausleihbar.

 
 

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